Die alte Frau steht am Fenster und fröstelt. Heute ist der erste Heiligabend, den sie nach dem Tod ihres Mannes allein verbringt. „Ich hätte nicht gedacht, dass man solch eine Angst vor Weihnachten haben kann“, sagt sie. Ihr Blick fällt auf den kahlen Fliederstrauch im Garten. Auf einem Ast sitzt eine Blaumeise. Sie plustert ihr Gefieder auf, und der Frau ist, als sehe die Meise direkt zu ihr herüber.

Sie holt ein paar Sonnenblumenkerne und streut sie auf die Fensterbank. Sofort fliegt die Meise heran und frisst. Und als die Witwe den kleinen Vogel so hastig schlingen sieht, denkt sie: „Du sollst diesen Winter keinen Hunger mehr leiden.“ Unruhig rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her – und macht sich schließlich auf in die Stadt. Dort kauft sie große Meisenringe und hängt sie in den Fliederstrauch. Am Nachmittag tritt sie wieder ans Fenster. Ein Lächeln zieht über ihr Gesicht.

Im Strauch tummeln sich neben der kleinen Blaumeise Buchfinken, Spatzen und Kohlmeisen. Die alte Frau öffnet das Fenster und hört ein vielstimmiges Gezwitscher.

Eine Mutter geht mit ihrer Tochter am Gartenzaun vorbei. „Da Mama, schau! All die Vögel!“, ruft die Kleine und bleibt mit offenem Mund stehen. Während ihre Mutter sie schon weiterzieht, winkt das Mädchen der alten Frau zu. Die Witwe betrachtet das Treiben der Vögel und bemerkt gar nicht, wie die Zeit vergeht. Eine Weile später steht das Mädchen wieder am Zaun. Die Witwe tritt in den Garten. „Ich habe etwas für die Vögel – und für dich“, sagt die Kleine und strahlt über das ganze Kindergesicht. „Weil doch Weihnachten ist.“

Stolz hält sie zwei Tüten in die Luft. Die eine ist voller Samen, die andere mit Plätzchen gefüllt. Der alten Frau wird ganz warm ums Herz. „Vor Weihnachten muss man wirklich keine Angst haben“, denkt sie – und lächelt. Lara Sturm